Hat Nachhaltigkeit nicht doch viel mit Verzicht zu tun?

Seit meinem Beschluss vor ein paar Jahren, mich mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen, hat sich in meinem Leben doch eine ganze Menge geändert.

Während ich circa 2010 mit der Umstellung auf tierversuchsfreie und möglichst vegane (Natur-)Kosmetik recht klein anfing, kamen im Laufe der Zeit immer mehr Themen dazu, die mir wichtig wurden: Plastik- und Müllvermeidung, Besitz-Reduzierung, weniger Lebensmittelverschwendung, … – und vor allen Dingen das Boykottieren von den typischen Fast-Fashion-Konzernen (Hintergründe hier), wo ich doch durch meine Ausbildung im textilen Bereich plötzlich am eigenen Leib erfahren habe, wie viel Arbeit im Nähen von Kleidung steckt.

Alternativen anstelle von Verzicht

So habe ich euch innerhalb der letzten Jahre hier auf dem Blog ab und an an Gedanken zu den verschiedenen Themen teilhaben lassen und versucht, euch Alternativen aufzuzeigen. Denn in meiner Blog-Beschreibung steht ja nicht umsonst als eines der Ziele

„– euch ohne erhobenen Zeigefinger dem Thema Nachhaltigkeit näher bringen und deutlich machen, wie wenig das eigentlich mit „Typisch Öko“ und Verzicht zu tun hat“

Und wenn man auf nichts verzichten möchte, denn wer hat schon Spaß an der Sache, wenn er sich zu sehr eingeschränkt fühlt, dann braucht man eben Alternativen: ein kleines bisschen über nachhaltige Labels habe ich hier berichtet, manchmal übers Selbst-Nähen, oft über Secondhand-Käufe.

Auch mit Alternativen gibt es manchmal Schwierigkeiten

Aber natürlich gab es in der Vergangenheit auch Situationen, bei denen Fast-Fashion vermeiden leider so gar nicht geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe: zum Beispiel als auch das zweite Paar Schuhe, das ich mir für meine Abschlussfeier über Secondhand-Plattformen bestellt hatte, nicht passte und mir die Zeit im Nacken saß, oder aber als sich die Kleidungsvorgaben für einen Nebenjob spontan änderten und niemand in meinem Umkreis mir etwas leihen konnte.
In der Kleinstadt findest du weder einen Secondhand-Laden, der nicht eher an den Inhalt eines Altkleider-Containers erinnert, noch hast du eine Auswahl an fairer Mode – mal abgesehen davon, dass ich dafür im Großteil der Fälle eh nicht das nötige Kleingeld aufbringen könnte.

Nachhaltigkeit Verzicht

Keine Freude mehr an Secondhand

Nachdem Ende 2014 dann das Kleiderkreisel-Desaster losging und neue Plattformen noch viel zu wenig im Angebot hatten, verlor ich irgendwann den Spaß an Secondhand. Letztlich hatte ich eh nur noch schlechte Erfahrungen im Sinne von nicht passenden Teilen oder schlechterem Zustand als angegeben gemacht und so wurde aus Alternativen plötzlich doch Verzicht. Ich trug seitdem, was ich nun mal hatte, mehr oder weniger begeistert und versuchte, Aussagen meiner Mutter („in der Hose kann ich dich langsam wirklich nicht mehr sehen, kannst du dir nicht BITTE mal etwas Neues kaufen? Ich geb dir auch Geld!!“) zu ignorieren.

Während ich schon im letzten Sommer und über die Wintermonate merkte, dass mir durch Verschleiß und teilweise auch einfach durch nicht-mehr-gefallen und dadurch nicht-mehr-wohlfühlen langsam die Klamotten ausgingen, kam vor ein paar Wochen der erste richtig warme Tag – und die Erkenntnis, dass acht Kilo weniger als in vorherigen Sommern doch einen erheblichen Trage-Unterschied bei einigen Kleidungsstücken machen, gerade was Hosen angeht.

Wenn ein „Ich hab nix zum Anziehen!“ tatsächlich mal ernst gemeint ist

Und während Frauen in der Regel vorgeworfen wird, bei der Aussage „ich habe nichts zum Anziehen“ vor einem vollen Kleiderschrank zu stehen, stand ich mit dem gleichen Gedanken vor einer acht Jahre alten kurzen Hose, die noch bzw wieder passte – und irgendwie das einzige sommer-taugliche Teil war. Aus dem Bikini-Oberteil und den wenigen dünneren Hosen fiel ich raus, kurze hatte ich seit Jahren nicht getragen. Die einzigen offenen Schuhe waren am Ende des letzen Sommers kaputt gegangen. Selbst effe Basic-Tops fehlten. Mir mangelte es nicht an „trendigen It-Pieces“, um mich stylish zu fühen. Mir fehlte es tatsächlich an der Basis, um den Sommer überhaupt irgendwie zu überstehen, wenn ich mich nicht wegen ungeeigneter Kleidung entweder unwohl fühlen oder auf bestimmte Aktivitäten verzichten wollte.

Kurze Zeit später stand eine ziemlich große Plastik-Tüte mit den allseits bekannten zwei roten Buchstaben in meiner Wohnung. Von fairer Mode, Secondhand-Kleidung und Selbstgenähtem hielten mich Kosten- und Zeitgründe ab, schließlich waren die warmen Tage bereits da.

Während ich seitdem mit ziemlich schlechtem Gewissen an meiner Authentizität zweifele, stellt sich mir auch immer wieder die Frage:
Spielt beim Thema Nachhaltigkeit Verzicht nicht doch eine ziemlich große Rolle, wenn man denn nicht gerade Krösus ist?

Ohne Planung geht da nichts

Letztlich ist mir nur wieder klar geworden, dass für das Durchziehen eines nachhaltige(re)n Lebensstils einfach mehr ordentlich durchdachte Planung nötig ist. Im Bezug auf Lebensmittel-Verschwendung und Müllvermeidung ist mir das schon viel früher bewusst geworden.

Hätte ich früh genug meine Garderobe ein bisschen mehr im Blick gehabt und dadurch mehr in die Zukunft geschaut, hätte ich im Laufe der Zeit vieles anders machen können: bei Ausflügen in andere Städte Secondhand-Läden einen ausgiebigen Besuch abstatten, bei Fair-Fashion-Labels im Sale zuschlagen, mir immer mal wieder ein Teil nähen – so hätte Zeit und Geld eine viel weniger große Rolle gespielt, da alles verteilter und mit weniger Druck vonstatten gegangen wäre als plötzlich vor dem Problem zu stehen, sich fast neu einkleiden zu müssen.

Aus dieser Erfahrung versuche ich nun zu lernen, indem ich demnächst meine Kleidung schon auf Herbst und Winter prüfen werde. Als einziges Problem an der Sache mit der Planung sehe ich gerade nur noch mein doch öfter mal schwankendes Gewicht – vielleicht wäre es da sinnvoll, doch nicht immer allzu radikal auszumisten. Und wenn meiner Mama eine abwechslungsreichere Optik an ihrer Tochter so wichtig ist, wird sie doch mit Sicherheit kein Problem mit einem zweiten Kleiderschrank im Keller für dünnere oder dickere Zeiten haben? 😉

9 thoughts on “Hat Nachhaltigkeit nicht doch viel mit Verzicht zu tun?

  1. Hi Leni,
    danke für deinen Kommentar!
    Nein, ich hab dich rein über einen Feedreader gelesen, da konnte das nicht klappen mit der Weiterleitung 🙂 Bin den nur neulich durchgegangen und hatte mich dann gewundert, warum von dir solange keine Beiträge kamen, die ich doch so gerne lese 🙂
    An den nicht ankommenden Mails bin ich Schuld – die Mailadresse hab ich wohl einfach erfunden, haben mir meine Bloggerkolleginnen gerade mitgeteilt – jetzt verwende ich aber die richtige 😀

    Liebe Grüße,
    Kati

    1. Hey,

      okay danke.. ich hab mich mit Feedreadern nie beschäftigt – Schande über mein Haupt – und weiß gar nicht, was man da so machen kann, damit es weiterleitet.. hm.

      Mit der Emailadresse ist natürlich unpraktisch, aber so haben wir ja beide wieder was gelernt über die Technik 😀

      Viele Grüße

  2. Ein sehr interessanter Blog-Post! Ich mache mir auch viele Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit und habe auch mit den gleichen Problem zu kämpfen. In wie weit ist Verzicht für einen in Ordnung und wann fängt es an, dass man dich selbst unwohl fühlt, weil man ständig auf irgendetwas verzichtet. Bei Lebensmitteln fällt es mir nicht schwer so zu planen, dass ich nichts bzw. kaum etwas wegwerfen muss. Aber Mode und Kosmetik ist für mich auch ein Hobby und es bringt so viel Freude neues auszuprobieren. Ich habe für mich entschieden, dass ich nicht mehr komplett verzichte, aber dass ich auch nicht planlos shoppen gehe. Wenn ich etwas sehe was mir gefällt, schlafe ich mindestens nochmal 1 Nacht darüber und überlege mir, ob die Freude über das neue Teil wirklich lange anhalten wird, oder ob es nur ein Teil ist, dass man ganz schön findet, aber nach einer Woche sich schon satt gesehen hat.
    Letztendlich muss natürlich jeder wissen was man für richtig hält. Aber ich denke schon alleine die Tatsache, dass man dich überhaupt Gedanken macht und nicht sofort alle kauft und in einen shoppingwahn verfällt macht auch schon viel aus.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

    1. Hey Alena,

      danke für deinen Kommentar 🙂 Mir geht es da ähnlich wie dir: Lebensmittel gar kein Problem, Mode schon schwerer weil Hobby – bzw bei mir auch zum Teil Beruf.
      Deine Lösung ist gut, ich bin manchmal einfach irgendwie zu sehr im Schwarz-Weiß-Denken drin!

  3. Liebe Leni 🙂

    Ich finde es schade, dass zu so einem interessanten Post (noch) so wenig Kommentare kommen, deshalb bewege ich mich mal aus meiner stillen Mitleserecke 😉

    Ich denke die Nachhaltikeitsumsetzung muss immer auch auf einer Ebene stattfinden, die noch mit Spaß bzw. Zufriedenheit verbunden ist. Wenn man vom schlechten Gewissen geplagt wird, weil man seinen Anspruch an sich selbst eben mal nicht einhalten oder umsetzen konnte und das auf lange Sicht zu Frustration führt, wäre das ja auch irgendwie schade. Ich denke also, du solltest nicht zu hart mit dir selbst sein oder an deiner Authentizität zweifeln 🙂 Eben weil etwas „schief gelaufen“ ist, fällt einem ja auf, was man in Zukunft vielleicht anders anpacken sollte. Insofern ist das ja eigentlich eine nützliche Erkenntnis, die du dadurch gewonnen hast!

    Auf Reisen oder in anderen Städten nach Secondhandshops und Flohmärkten zu schauen, kann ich dir übrigens sehr empfehlen. Das ist um einiges interessanter, als in jeder Stadt die immer gleich Modeketten abzulaufen. Abgesehen davon, dass man dadurch oft Ecken abseits des (Touri)Mainstreams entdeckt und sehr viel eher ein authentisches Gefühl von einem Land/einer Stadt bekommt, finde Ich auch schön Kleidungsstücke zu haben, die man automatisch mit einer bestimmten Reise oder Stadt verbindet 🙂

    Liebe Grüße
    Valeria

    P.S.: Die Blusen auf dem Bild sind ja mal allesamt traumhaft schön! Dein Stil gefällt mir echt sehr sehr gut 🙂

    1. Hey Valeria,
      Schön, dass du aus der stillen Ecke rausgekommen bist 😀

      Du hast vollkommen Recht, zu streng zu sich zu sein bringt irgendwie auch nichts.. viel eher noch entwickelt man früher oder später vielleicht ein Trotzgefühl und hört ganz auf, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wenn man es sich selbst auch nicht recht machen kann!

      Danke dir fürs Stil-Kompliment 🙂

  4. Schöner Artikel, besonders der Teil mit dem „Ich habe nichts zum Anziehen“. Allerdings sehe ich genau in diesem Vorausplanenmüssen ein Manko. Ich will ja auch mal spontan was kaufen. Auch wenn ich keine Shoppingqueen bin und mich gar nicht erinnern kann, wann ich das letzte Mal richtig Kohle hingeblättert habe, so geht doch ein Stück Spontanität verloren. Leider.

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