Projekt „Kurze Hose“ – oder Wohlfühlen im eigenen Körper

(Eins vorweg: ich werde Kommentare a la „aber du kannst doch ohne Probleme kurze Hosen tragen“ oder „du hast doch eine tolle Figur“ nicht freischalten, da sie am Inhalt des Posts vorbei gehen würden. Es geht nicht um dick oder dünn, tragen können oder nicht tragen können, es geht ganz allein ums subjektive Wohlfühlen. Dieser Post hat nicht im entferntesten irgendetwas mit fishing for compliments zu tun. Kommentare, die Bodyshaming in welcher Art und gegen welche Figurtypen auch immer beeinhalten, werde ich ebenfalls nicht freischalten.)

Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob mein Körper nun so, wie er ist, „in Ordnung“ ist. Ob er den gesellschaftlichen Normen entspricht, ob ich mich vielleicht anders hinsetzen sollte, damit alles ein wenig vorteilhafter wirkt, ob die Hose nicht lieber ein Stück länger sein sollte – das hat in meinem Kopf keine Rolle gespielt, für diese Überlegungen gab es keinen Platz.

Diese Zeiten gab es, aber sie sind lange her. Viel zu lange. Ich schätze, in dieser Hinsicht war ich das letzte Mal unbeschwert, als ich circa dreizehn war. Das ist vierzehn Jahre her und macht mich ziemlich traurig. Es folgten viele, viele Jahre, in denen Dinge wie mein Gewicht, meine Maße, die tägliche Kalorienzufuhr – kurz: ich in Zahlen – so viel Raum einnahmen, dass „das Leben genießen“, wenn überhaupt nur schwer möglich war. Genau so viele Jahre verbringe ich seitdem mit dem Versuch, meinen Wert nicht mehr an Zahlen, sondern an anderen Eigenschaften festzumachen. Und das funktioniert sogar im Normalfall ganz gut.

Eins hat sich aber seitdem niemals geändert, nämlich dass meine Laune sich mit steigenden Temperaturen zunehmend verschlechtert – denn Sommer heißt für mich auch immer: viel nackte Haut, Konfrontation und die Entscheidung zwischen

1. drinnen bleiben
2. rausgehen und in langen Hosen den Hitzetod sterben
oder
3. Augen zu und durch

In den letzten Jahren tendierte ich meistens zu 1 oder 2 – dieses Jahr soll das anders werden.

Ich erinnere mich lebhaft an Situationen aus den letzten Sommern, in denen ich mich unwohl gefühlt habe. Daran, die Verabredung am See kurz vorher abgesagt zu haben oder den Versuch nach nicht mal einer Stunde wieder abgebrochen zu haben, weil es eben doch nicht ging. Daran, im Bus lieber gestanden zu haben, als zu riskieren, dass meine Beine im Sitzen doch ein bisschen zu breit und dellig aussehen. Daran, den Urlaub lieber auf dem Hotelzimmer zu verbringen und den Partner damit zu verärgern.

Woran ich mich nicht erinnern kann: Sommer mit Spaß, Unbeschwertheit, Ausgelassenheit.

Wohlfühlen im eigenen Körper

Im Gegenteil habe ich mir so häufig vorgelogen, dass ich Sommer auch einfach gar nicht mag und Hitze nicht ertragen kann, dass ich es selbst fast geglaubt habe. Dabei stimmt das nicht. Sonne an sich lässt meine Laune besser werden, gibt mir neue Energie und Kraft. Nur mein Kopf sorgt dafür, das alles nicht ausnutzen zu können.

In der letzten Woche habe ich öfter kurze Hosen getragen als im gesamten letzten Jahr. Ich habe in kurzer Hose einen Geburtstag im Garten gefeiert mit Kuchen und Grillen, habe mit Freunden auf der Wiese gelegen und Karten gespielt, mit meinen Neffen gepicknickt, die warmen Tage genossen. Das war hart für mich. Die Unsicherheit wird sicher noch ein bisschen bleiben – aber ich sorge dafür, dass sie mit jedem Mal kurze Hose tragen weniger wird, denn mit jedem Tag, den man sich doch durchringt und dazu zwingt, werden die kritischen Gedanken zu meinen Beinen (zu kurz, zu stampfig, zu dellig, zu käsig, zu teigig, zu viele blaue Flecken, zu viele kleine Pickelchen, zu zu zu) weniger. Es wird in diesem Sommer hoffentlich keinen Tag geben, an dem ich trotz der passenden Temperaturen zu einer langen Hose greifen werde und ich werde mindestens einen Tag am See verbringen. Einen ganzen.

Was mir bisher dabei geholfen hat:

Im familiären Umfeld und mit humanen Hosenlängen beginnen, außerdem mit Anlässen, an denen man sich nicht zu viel bewegen muss. Ein bisschen der Gedanke, dass mein Körper letzten Endes nur dafür da ist, mich durch die Welt bewegen zu können. Und letztendlich auch die Person in meinem Leben, die mir bisher mehr als jede andere das Gefühl geben konnte, dass ich so, wie ich bin, perfekt bin – und die mir sogar erst den Anreiz gegeben hat, mich mit dem Thema überhaupt noch einmal zu beschäftigen und die Nummer 3 von oben tatsächlich als Möglichkeit wahrzunehmen.

Ich habe diesen Post ein bisschen für mich geschrieben, aber vor allen Dingen für alle Mädels und Frauen da draußen, denen es ähnlich geht wie mir. Ich weiß, dass das nicht gerade wenige sind. Es soll kein „Liebe dich selbst und alles ist gut“-Post sein, eher eine Anregung. Ein kleiner Schubs, dem Leben wieder eine Wendung und eine neue Chance zu geben – mit Kleinigkeiten, die aber doch so viel bedeuten und ausmachen können!

Das Leben ist zu kurz dafür, sich selbst so dermaßen einzuschränken.

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8 thoughts on “Projekt „Kurze Hose“ – oder Wohlfühlen im eigenen Körper

  1. Ich mag ja die „How to have a beach body“-Anleitung (1. Have a body; 2. Go to the beach) …
    Es ist wirklich schade, Dinge nicht zu tun, weil man sich Gedanken um sein Aussehen macht. Kein Mensch außer einem selbst wird darauf achten, wie glatt oder hubbelig die Beine sind, ob man „Winkearme“ hat oder Cellulite … und wenn man nicht nur die sonnengeküssten, gazellenbeinigen Teenagermädels betrachtet, sondern auch ältere Frauen, wird man sehen: Die tragen auch Röcke trotz unperfekter Beine, teilweise unrasiert, haben Speckfalten unterm Shirt und Winkearme zu ärmellosen Blusen – und hat einen selbst das je gekümmert?
    Ich denke, da hilft nur: Rausgehen und üben. Um zu begreifen: Die anderen interessiert das gar nicht. Es muss ja nicht gleich die der-halbe-Po-hängt-Raus-Hotpants zum Mikro-Bikinitop sein (da wird ab einem gewissen Grad an Übergewicht wohl schon der ein oder andere skeptische Blick kommen) – aber in normaler kurzer Sommerkleidung erregt man eher kein Aufsehen. Die Leute sind doch mit ihrem eigenen Kram beschäftigt (bis auf ein, zwei Deppen, die aber auch den sonnengeküssten Gazellen dumme Sprüche drücken).
    Also – yeah zum rausgehen in Shorts! Auch wenn ich persönlich noch hoffe, dass es den ganzen Sommer über kühl bleibt, denn ich kann die Hitze wirklich nicht leiden 😉

  2. Verrückt, mir geht es einfach exakt genau so wie dir!
    Wo andere Menschen so bald es mehr als 20 Grad hat zur kurzen Hose greifen, hab ich mir in den letzten Jahren eine Sammlung an langen, aber hitzetauglichen Hosen zugelegt, damit ich auf keinen Fall eine kurze Hose tragen musste.
    Im Urlaub war es meistens ok, da hat mich ja keiner gekannt, aber zuhause hat man mich so gut wie nie in kurzer Hose gesehen.
    Letztes Jahr hab ich mich dann tatsächlich auch mal aus meiner Komfortzone gewagt und immer mal wieder kurze Hosen getragen und das versuche ich dieses Jahr auch noch zu erweitern. Fee von „Fee ist mein Name“ hat da auch mal was ganz spannendes darüber geschrieben (http://www.feeistmeinname.de/2015/07/von-dellen-beulen-und-flecken-und-wie/).
    Also Augen zu und durch – ich hoffe du bist erfolgreich mit deinem Projekt „Kurze Hose“ 😉

  3. Dein Post ist toll geworden und ich fühle mich leider zu 100% ertappt, aber das weißt du ja schon.
    Ich trage den ganzen Sommer über Maxikleider und Maxiröcke. Ein Glück für mich, dass die total angesagt sind. Aber im Kern ändert das nichts am Problem, daher danke für den Anstoß. 🙂

  4. Wie Hanna Mond bin ich auch der Meinung, dass Fraun oft vieeel zu selbstkritisch sind. Die meisten Dellen, Flecken, Pickelchen fallen nur uns selbst auf: weil wir so genau hinschauen.
    Wenn du dich wirklich so unwohl fühlst, könntest du es ja mal mit etwas längeren Röcken versuchen. Wenn es nicht unbedingt Maxi sein muss, sondern Midi schon okay ist, dann ist das ja schon mal ein Fortschritt, an dem man arbeiten kann.
    Auf alle Fälle gilt: dräng dich zu nichts. Das macht es nämlich nicht besser und du gehst noch verkrampfter an die Sache ran.

    Liebe Grüße und viel Kraft und Erfolg!
    Daniela

  5. Toller Artikel! Der hätte von meinem Ich vor fünf Jahren sein können…
    Mit 14 hatte ich für viele Jahre das letzte mal kurze Hosen an, weil ich meine Oberschenkel plötzlich schrecklich dellig fand. Jahrelang habe ich darauf geachtet, dünn zu sein, die Beine trainiert und immer gedacht, bald, bald, wenn die Oberschenkel so makellos sind wie die der Victoria secret Models, dann kann ich in Hot pants und kurzen Kleidern herumlaufen. Vor ca. 5 Jahren dann, mit 26, hatte ich – warum und wie auch immer, ein ultimatives Aha-Erlebnis gab es nicht – beschlossen, dass das totaler Schwachsinn ist, ich mich selbst um so viel Spaß und Freiheit bringe und es total egal ist, ob sich jetzt jemand über meine Dellen, blauen Flecken oder den Käseteint amüsiert. Ich leb doch nur einmal und lass mir von der kranken Mode- und Werbeindustrie nicht mehr einreden, wie ich auszusehen habe. Ging natürlich auch nicht von jetzt auf gleich und die ersten Male mit kurzer Hose an der Uni oder in der Stadt waren grwöhnungsbedürftig… Aber es lohnt sich, dran zu bleiben! Mittlerweile bin ich über dreißig, habe eine Tochter und laufe nicht nur in kurzen Hosen und Röcken durch die Gegend, ich habe nicht mal mehr ein Problem damit, nur mit Bikinihose oben ohne am See zu baden – trotz Dellen, trotz kaum vorhandener Brust, trotz Schwangerschaftsstreifen. Was für mich noch einmal entscheidend dazu beigetragen hat: ich möchte meiner Tochter vorleben, dass dein körper toll ist genauso wie er ist. Das kleine Fehler, vermeintliche Makel sowas von egal sind. Lieb dich so wie du bist, such nicht ständig nach Fehlern. Dazu gehört auch, über niemand anderen zu urteilen oder zu lästern. Jeder doch bitte einfach so, wie er mag. Und wenn ich mit 85 und 20kg Zuviel noch immer im Mini rumlaufen möchte – dann mach ich das 🙂
    Ich wünsch dir, dass du dich bald nicht mehr komisch fühlst, sondern frei und unbeschwert, wenn du mit befreiten Beinen durch den Sommer gehst!
    Liebe Grüße
    Martina

  6. Erwischt. 🙂
    Danke für diesen wunderbaren Blogpost. Ich fühle mich nicht nur erwischt, sondern auch ermutigt den Sommer doch auch mal zu genießen. Ich denke dabei hilft vielleicht auch den Kleiderschrank mal zu entrümpeln und sich von den Notfallklamotten zu trennen (die Schlabberhose die man anzieht wenn es dann doch viel zu heiß wird, die aber eigentlich doof aussieht aber so schön viel verdeckt. 😉 ).
    Gut das morgen Feiertag ist. Und vielleicht werde ich bei der nächsten Shoppingtour fündig.
    Liebste Grüße,
    Julia

  7. Dein Post ist super wichtig und ich bin echt immer froh, wenn jemand was dazu sagt. Ich beobachte die Body-Image-Bewegung in den USA gerade sehr und frage mich wo sowas in Deutschland stattfindet. Du bist eine davon, vielen Dank 🙂

  8. Liebe Leni,
    ich finde es toll dass du dich nicht damit abfindest, so eingeschränkt zu sein, sondern dass du dafür kämpfst, es anders machen zu können! Ich kann mich nicht in dich hineindenken, kann mir nicht vorstellen was es für dich bedeutet, dich zu überwinden – aber ich finde es wirklich klasse und bewundernswert, dass du kämpfst, auch oder gerade wenn es so vermeintlich „normale“ Dinge betrifft.
    Ich wünsche dir auch dass es ganz bald ganz normal für dich wird – und dass du den Sommer genießen kannst, wie auch immer 🙂
    Alles Liebe!

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