Motivationsgeschichte: Eigene Wege gehen III

Manchmal merken wir plötzlich, dass die Ziele, die wir verfolgen, gar nicht unsere eigenen sind. Dass der Weg, den wir gehen, nicht zu uns selbst und zu dem passt, was wir uns für unser Leben wünschen. Unserem Leben eine neue Richtung zu geben, ist aber oft gar nicht einfach und erfordert auch Mut. Vor allen Dingen, wenn die erforderlichen Änderungen solche sind, die „die Gesellschaft“, das System oder/und das eigene Umfeld nicht anerkennen und unterstützen oder wenn einem der neue Weg nicht zugetraut wird, da man vielleicht nicht die besten Voraussetzungen dafür hat.

Die heutige Motivationsgeschichte wurde mir von Yvonne geschickt. Sie schreibt auf ihrem Blog „dare to be mad“ über ihr Leben mit Depressionen und Hochsensibilität.
(Zu den anderen Posts dieser Art gelangt ihr hier. Habt ihr auch Interesse daran, eure Geschichte auf meinem Blog zu sehen? Dann schreibt mir einfach eine Mail.)

Kindliche Berufswünsche
„Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“ Diese Frage haben wir wohl alle als Kind gehört. Ich hatte wahnsinnig viele Interessen. Vielleicht zu viele. In meiner Jugendzeit erlebte ich mich eher orientierungslos. Ich beneidete meine Mitschüler, die schon genau wussten, dass sie Werbegrafiker werden oder Jura studieren wollten. Sämtliche Berufsberatungen konnten mir keine erhellende Antwort geben auf die Frage: „Was mache ich bloß nach dem Abi?“ Meine Eltern haben mir nie vorgeschrieben, was ich machen soll. Ihr einziger Anspruch war, dass ich zu Ende bringe, was ich anfange. Eigentlich richtig nett von ihnen. Allerdings schienen sie genauso ratlos zu sein wie ich. Das führte hin und wieder auch zu Streit. Sie wurden wohl langsam unruhig und fingen an, Druck auszuüben. Wenn ich dann mal eine Idee hatte, wurde sie nicht unbedingt mit Begeisterung aufgenommen. Ständig musste ich mir Sprüche anhören wie: „Sei doch vernünftig! Man muss auch realistisch sein! Damit verdienst du nichts. Was kann man denn mit dieser Ausbildung anfangen? Das ist aber viel Arbeit…“ Danke! Sehr hilfreich und aufbauend!

Wie ich schlussendlich auf die Idee kam, Sozialarbeit zu studieren, kann ich selbst nicht mehr ganz nachvollziehen. Ich interessierte mich für Psychologie, wollte aber nicht 5 Jahre lang zur Uni gehen und Statistik lernen müssen. Da erschien mir Sozialarbeit als passende Alternative.
Zu dieser Zeit steckte ich bereits in einer ersten Krise. Meine Eltern bemängelten meinen Fleiß und übten wieder Druck aus. Obwohl es mir richtig schlecht ging, schaffte ich den Abschluss innerhalb der Regelstudienzeit, zog von zu Hause aus, absolvierte das Anerkennungsjahr und trat 2 Monate später meine erste Arbeitsstelle an.

10 Jahre habe ich diese Arbeit ausgeübt. Besonders glücklich und zufrieden war ich nie. Deshalb bildete ich mich nebenher als Psychotherapeutin weiter, um mich selbständig machen zu können. Dann kam der Zusammenbruch. Zuerst hieß es Burn Out. Schließlich stellte sich heraus, dass ich Depressionen habe. Und das wohl nicht erst seit Kurzem. Es folgten 3 Jahre Therapie, nachdem ich meinen Beruf an den Nagel hängte und vom Arbeiten erstmal gar nichts mehr wissen wollte. Was war nur passiert?

Irgendwie lief mein Leben nicht so, wie ich mir das als Kind vorgestellt hatte. Moment. Ich hatte doch Vorstellungen? War ich vielleicht gar nicht so orientierungslos? Warum hatte ich dann etwas völlig anderes gemacht? Oft ist es so, dass Erwartungen gar nicht offen und konkret ausgesprochen werden. Aber sie wirken. Der erwartungsstellenden Person muss das auch gar nicht bewusst sein. Ich begann, nach meinen kindlichen Berufswünschen zu forschen und zu hinterfragen, warum ich ausgerechnet den psychosozialen Weg eingeschlagen hatte.

Ich erinnerte mich daran, dass ich als Kind Tierärztin werden wollte. Bis ich herausfand, dass man Tiere nicht gesundstreicheln kann, sondern sie auch aufschneiden muss. Trotzdem blieb der Wunsch, mit Tieren zu arbeiten, bestehen. Am liebsten mit Pferden. Außerdem schrieb ich gern und interessierte mich für Literatur. Deshalb wollte ich Germanistik studieren und vielleicht Schriftstellerin werden. Diese merkwürdige Dame im BIZ hatte mir jedoch damals davon abgeraten. Nicht rentabel.

Da ich schon früh emotionale Verantwortung für meine Eltern übernommen hatte und später als ihre Eheberaterin fungierte und mich überhaupt jeder für meine Fähigkeit des empathischen Zuhörens lobte, dachte ich, dies sei mein einziges Talent. Dabei hatte ich schon zu Schulzeiten Sozialarbeit definitiv als Möglichkeit gestrichen, weil als total schrecklich befunden. Ich entschied mich also für den Beruf, der mir am wenigsten gefiel und professionalisierte so meine Familienrolle. Absolut logisch. Mit der psychotherapeutischen Ausbildung setzte ich dem Ganzen noch die Krone auf. „Es ist der Wunsch nach Heilung, der einen zu dieser Berufswahl treibt“, sagte meine Therapeutin. Ich hatte das alles also eher für mich gelernt, als es beruflich anderen Menschen zu Gute kommen zu lassen. Es ist ja auch sehr ehrenhaft, helfen zu wollen. Wenn man aber vorher gelernt hat, dass man keine Grenzen setzen darf und mit Liebesentzug bestraft wird, dann wird man ganz schnell aufgefressen.

Das Elend meiner Kindheit, dem ich durch meinen Auszug hatte entfliehen wollen, setzte sich somit fröhlich fort. Es war gar nicht so einfach, mir einzugestehen, dass ich beide erlernten Berufe nicht mehr ausüben will, und das dann auch noch nach außen zu vertreten. Die Sprüche von damals begannen, sich zu wiederholen. „Und was wollen Sie denn jetzt machen?“ – „Pferdehufpflege.“ – „Das ist harte, körperliche Arbeit! Gibt es dafür Bedarf? Also, da müssen Sie schon auch realistisch sein. Sie könnten mit Ihrer Ausbildung doch in der Verwaltung arbeiten.“ Ach ja, noch so eine unkonkrete Erwartung meiner Mutter: Büro. Hatte sie selbst ja auch machen müssen. Dabei ist es nicht so, als hätte ich als Sozialarbeiterin in der Förderschule nicht in einem Büro gesessen. Verwaltung wäre also etwas völlig Neues für mich. Pfff! „Es gibt auch Nischen in der Sozialarbeit.“ – „Würden Sie einem trockenen Alkoholiker, der vorher seine eigene Kneipe betrieben hat, dazu raten, im Getränkehandel zu arbeiten?“

Allen Widrigkeiten zum Trotz habe ich im Oktober 2014 die Ausbildung zur Pferdehufpflegerin bzw. Barhufbearbeiterin begonnen. Bezahlen muss ich selbst. Die Krankenkasse ist der Meinung, dass Sozialarbeiter wegen des breiten Feldes keine Umschulung brauchen. Das Schlimmste sind aber die inneren Kämpfe: Schaffe ich das überhaupt? Ist das eine gute Idee? Werde ich davon leben können? Mir scheint, dass es der Psyche schwerfällt, damit klarzukommen, wenn der Mensch zum ersten Mal etwas wirklich selbstbestimmt und nur für sich macht. Das ist so ungewohnt. Der sogenannte innere Richter, der sich aus all den Stimmen zusammensetzt, die einem negative Glaubenssätze eingeimpft haben, läuft auf Hochtouren. Dank der verschiedenen Therapien, die ich genießen durfte, habe ich gelernt, damit umzugehen. Und ich halte daran fest, dass auch ich meinen Traum leben darf, und nicht nur die tollen Menschen in irgendwelchen Fernsehdokus, die aus ihrem alten Leben ausgestiegen sind, um etwas (vermeintlich) völlig Verrücktes zu machen, das dann auch noch funktioniert. Klingt nach Träumerei? Ja, und? Wenn wir aufhören zu träumen, sterben wir. Nicht körperlich, aber seelisch.

Ich weiß, wovon ich spreche. Und ich kann nur sagen, dass ich von meiner Konzentrationsfähigkeit an den Weiterbildungswochenenden total überrascht bin. Normalerweise drifte ich gedanklich nach einer halben Stunden ab. Und jetzt – komplette Aufmerksamkeit von vorne bis hinten. Ich bin Feuer und Flamme. So kenne ich mich gar nicht.

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8 thoughts on “Motivationsgeschichte: Eigene Wege gehen III

  1. Liebe Leni,
    ich bin immer wieder mal als Gast auf Deinem Blog und finde, Du bist auf einem sehr guten Weg – nämlich DEINEM Weg ! Du tust etwas ganz allein für Dich und zwar weil Du es für richtig hältst und mal ehrlich – Du solltest doch mit Deinem Leben zufrieden sein und nicht die anderen ! Wenn Du irgendwann einmal zurückblickst und Dir sagen kannst: ja ich habe es versucht ! dann ist doch vielleicht sogar gar nicht mehr so wichtig dass es alles tatsächlich so geklappt hat wie Du es Dir vorgestellt hast sondern der Schritt war wichtig, denn Du würdest Dich sicher irgendwann ziemlich ärgern, wenn Du es nicht einmal versucht hättest. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen weiterhin alles Gute auf Deinem Weg, und lasse Dich nicht entmutigen ( schöner Buchtipp übrigens: OSHO – Mut – lebe wild und gefährlich ). Liebe Grüße, Petra

  2. Sehr schöner Text und so wahr! An einer dieser Stationen befinde ich mich auch gerade.. Mal sehen wie weit mein Mut mich trägt.
    LG und danke für den Text! Julia

  3. Sehr schöner Text und so wahr! Ich befinde mich im Moment in genau dieser Situation und es ist schön zu lesen nicht alleine damit zu sein. Ich hänge auch im Moment in einem Job und dazu auch noch in einer nebenberuflichen Weiterbldung, die die Eltern für mich am besten hielten. Die Weiterbildung werde ich jetzt trotzdem beenden, weil ich fast fertig bin und irgendwas kann ich davon schon irgendwie gebrauchen. Aber arbeiten will ich in dem Bereich nie. Ich stecke gerade genau in der Lernphase auf mich zu hören und das zu tun was ich für gut halte und es wird mir langsam egal was mein Umfeld dazu sagt. Denn es ist mein Leben und ich muss glücklich sein mit dem was ich tue. Ich hoffe, dass ich bald so stark bin auch diesen Schritt zu gehen und das zu tun was ich eigentlich möchte. 🙂

  4. Ich befinde mich im Moment in der gleichen Situation, ich mache im Moment mein Abitur und habe nur wage Vorstellungen von meiner beruflichen Zukunft. Ich weiß zwar, dass ich erst mal als Au Pair ins Ausland gehen möchte, aber was dann? Am aller liebsten würde ich Innenarchitektur studieren…doch die Zweifel plagen mich: Werde ich überhaupt erst aufgenommen? Bin ich gut genug? Kann ich damit erfolgreich werden und bleiben und mir das Leben leisten, von dem ich heute nur träumen kann?
    Es wird sich rausstellen….auch meine Eltern interessiert das wenig. Doch ich denke, dass man trotz Zweifel seinen Weg gehen soll, auch wenn er steinig ist. Und dieser Text hat meine Sicht wiederum verstärkt. Danke, und noch viel Glück!

  5. Das ist eine so tolle Geschichte! Ich hab mich so darin wiedergefunden… Studiert, was ich dachte, dass von mir erwartet würde, erste Zweifel, dann jahre im Beruf, die immer mit Depressionen ud Klinik verbunden waren, bis ich schließlich eines Tages richtig krank wurde (mit "richtig" meine ich, dass ich plötzlich berufsunfähig war, weil ich nicht mehr sprechen konnte, als Sprachlehrerin irgendwie fatal…) ud erkannte: Das ist die letzte Warnung des Herrn, dass ich so nicht weitermachen kann. Seit einem Jahr studiere ich das, was ich schon immer geliebt habe (Musikwissenschaft) und bin seitdem ein anderer Mensch. Du hast das so wunderbar gelöst, ich habe Deinen Bericht mit Tränen in den Augen gelesen und freue mich so für Dich! Übrigens habe ich auch mal eine Pferdeheilpraktikerausbildung eingeschoben, als ich nicht mehr weiterwusste, aber das Wissen nutze ich nur privat, den ohne Labor kann ich ohnehin nur unterstützend mit TÄ zusammenarbeiten.

  6. Liebe Mary Lane,
    Danke für diesen schön geschriebenen, motivierenden Beitrag. Ich bewundere Deine Offenheit und die Art, wie du mit dem Thema Psyche und Depression umgehst, und auch, dass du offenbar trotz aller Widrigkeiten den Mut und die Kraft gefunden hast, für dich selbst noch einmal neu anzufangen. Wie Petra im Kommentar schon geschrieben hat, ich glaube auch, dass man sich selbst immer die Frage stellen würde, "Was wäre gewesen, wenn…", wenn man's nicht versucht hat. Lieber man versucht's, kämpft, fällt vielleicht einmal auf die Nase und kämpft weiter, als dass man das ganze Leben lang nur kriecht…

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles gute und viel Kraft für den neuen Weg. 🙂

  7. Hallo!
    Ich bin Yvonne, die Autorin dieses Textes. Vielen Dank für eure lieben Kommentare! Die motivieren mich auch wiederum, weiterzumachen auf meinem Weg. Denn die Zweifel sind ja nicht weg. Aber ich lerne, mit ihnen umzugehen. Schön, dass ich euch berühren und inspirieren konnte! Ich wünsche jedem von euch ein erfülltes Leben!
    LG Yvonne

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