Qualitativ hochwertige Kleidung erkennen

„Guck dir mal die Naht an. Voll schief. Und hier ist der Saum nicht mal mit eingefasst. Sowas sollten wir uns mal wagen, abzugeben, Frau S. würde uns alles wieder auftrennen lassen!“

Unter mir und einigen anderen aus der Ausbildung ist es schon fast zu einer Art Sport geworden, unsere Kleidung auf Qualitätseinbußen zu kontrollieren. Fast schon frei nach dem Motto „Wer mehr Fehler findet, gewinnt“ sah man im Laufe des Jahres immer mehr von uns mitten im Unterricht an ihrer Kleidung rumzuppeln und die Köpfe schütteln.

Meine Ausbildung hat einen Vorteil: man erkennt irgendwann, was Qualität ist und was nicht. Aber sie hat auch einen entscheidenden Nachteil: Man wird so pingelig, dass man am Liebsten alles selbst nähen möchte.

Bevor ich meine Ausbildung angefangen habe, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, ob meine Kleidung gut verarbeitet ist. Und selbst wenn, hätte ich wahrscheinlich nicht gewusst, worauf ich achten müsste. Deshalb gibt es heute für euch einen kleinen Exkurs, woran man hochwertig verarbeitete Kleidung erkennt. Es gibt natürlich noch viel mehr Kriterien dafür, wenn euch der Post gefällt, kann ich euch natürlich in den nächsten Jahren gern auf dem Laufenden halten 😉

Die Nähte

Dass eine Naht so gerade wie möglich verlaufen sollte, wird euch klar sein. Schlenker zeugen nicht unbedingt von Qualität und diese sind meist das Erste, was selbst ein ungelerntes Auge sieht. Abgesehen davon sollte eine sichtbare Naht von vorne bis hinten gleichmäßig und vor allen Dingen einfach verlaufen, sprich, sollte während des Nähens ein Fehler in der Fadenspannung auftauchen, der die Naht ruiniert, wird die gesamte Naht aufgetrennt und neu genäht und nicht das fehlerhafte Stück einfach erneut übergesteppt.

Eine hochwertige Naht erkennt man auch an relativ kleinen Stichen – je kleiner die Stiche sind, desto schwieriger ist es für den Nähenden, die Naht wieder aufzutrennen, da sie viel fester ist als eine Naht mit großer Stichlänge. Man kann also davon ausgehen, dass ein Unternehmen, deren Kleidung mit kleiner Stichlänge genäht wird, Näher/innen beschäftigt, die viel vom ihrem Handwerk verstehen. Auftrennen kostet Zeit und Zeit ist Geld.

Bei Nähten ist außerdem zu beachten, dass eine Verriegelung am Anfang und Ende einer Naht wirklich übereinander liegt und kein „Z“ darstellt.

Der Rapport

Was zur Hölle ist ein Rapport? Ich zumindest hatte vor meiner Ausbildung nie davon gehört. Der Rapport ist die kleinste Einheit eines sich wiederholenden Musters. Bei einem Stoff, der blau-weiß gestreift ist, besteht der Rapport also aus einem blauen und einem weißen Streifen. Eine hochwertige Verarbeitung von Mustern beinhaltet, dass so genäht wird, dass bei zwei aneinander-treffenden Lagen die Streifen (z.B.) möglichst wieder aufeinander treffen – so wie der Schnitt es eben zulässt. (Je nach Schnitt des Kleidungsstücks oder Form des Schnittteils ist es nicht zu vermeiden, dass das Muster an der ein oder anderen Naht nicht passt!)

Der Grund dafür ist, dass einem passenden Rapport oftmals ein höherer Stoffverbrauch zugrunde liegt, den sich nur höherpreisige Unternehmen leisten können. Außerdem muss natürlich viel sauberer und dadurch langsamer gearbeitet werden, da das Aufeinandertreffen von Mustern gar nicht so einfach ist. Stofflagen werden unter der Maschine gerne unterschiedlich transportiert und verschieben sich dadurch. Das muss man als Näher auszugleichen wissen.

Vielleicht ist euch schon öfter aufgefallen, dass das Karo von Brusttaschen auf karierten Hemden oder Blusen im Vergleich zum sonstigen Muster diagonal verläuft. Das machen Unternehmen häufig mit Absicht, um gar nicht erst Gefahr zu laufen, dass der Rapport am Ende nicht passt oder aber um stoffsparend arbeiten zu können – was natürlich nicht unbedingt ein Zeichen von schlechter Qualität, sondern auch einfach von Rohstoff-Nutzung sein kann.

Der Bund

Ober- und Untertritt eines Bundes müssen selbstverständlich die gleiche Breite haben. Das sollte zwar selbstverständlich sein, ich habe selbst aber genug Hosen, bei denen es beim genaueren Hinsehen nicht passt. Bei Formbunden (das sind Bunde, die beim flachen Ausstreichen nicht gerade liegen, sondern gerundet sind, also eigentlich bei allen Bunden, die nicht in der Taille sitzen) kann man erst im gerundeten Zustand, also wenn man den Bund so hält, als läge er am Bauch oder auf der Hüfte, sehen, ob Ober- und Untertritt gleich breit sind.
Kleine Beichte am Rande: den Bund, den ihr hier seht, habe ich selbst vermasselt. Das gleich zu bekommen, ist nämlich gar nicht so einfach!

Die Knöpfe

Wenn ein Knopf mit der richtigen Technik angenäht ist, sieht man keinen großen „Knubbel“ auf der anderen Seite, denn ein Knopf wird tatsächlich nur mit sehr wenigen Stichen angenäht. Auf der Unterseite liegt alles schön flach. Beim Kauf könnt ihr euch natürlich schon davon überzeugen, ob ein Knopf fest genug angenäht ist oder schon recht locker erscheint.

Die Endkontrolle

Ist ein Teil fertig genäht, wird es normalerweise darauf überprüft, ob nirgendwo mehr kleine Fädchen abstehen, beispielsweise an Verriegelungen, oder sogar noch lose Fädchen vom Auftrennen oder Abschneiden an der Kleidung haften. Bei nachlässig hergestellter Kleidung ist es eher üblich, dass der Konsument zu Hause selbst nochmal die Nagelschere zückt 😉

34 thoughts on “Qualitativ hochwertige Kleidung erkennen

  1. Ein ganz interessanter Artikel, liebe Leni. Ich glaube, mein halber Kleiderschrank hätte dir ebenfalls als Fallbeispiel dienen können. 😀 Mist. Jetzt weiß ich, wieso ich nach ein paar mal tragen alles wegschmeißen muss.

  2. Oh ja, das kenn ich noch 🙂 War auch mal in der Schule in einer Bekleidungsabteilung bevor ich zu Büro gewechselt hab (weiß auch nicht genau wieso im Nachhinein 😉 ). Ich konnte niemanden mehr anschauen weil ich sofort die Kleidung analysiert habe 😉 Schrecklich :p
    Ist aber dennoch auch für mich ein interessanter Beitrag 🙂
    LG

  3. echt interessanter bericht .!
    wie du damals gefragt hast ob uns solche posts interessieren .
    hätte ich eher nein geschrieben . weil ich mich ehrlich gesagt
    nie für textilien und stoff-/gewand-details interessiert bzw
    mich nie damit beschäftigt hab .
    aber du hast so eben mein interesse geweckt .. klingt wirklich
    spannend 🙂 danke .

  4. Den Post fand ich richtig interessant! Wenn ich bis jetzt versucht habe die Qualität eines Kleidungsstücks einzuschätzen, hat es nach der geraden Naht mit meinem Wissen aufgehört. Vielen Dank! 🙂

  5. Das war wirklich sehr hilfreich, gerne mehr davon! Du hattest doch mal überlegt, was zu den verschiedenen Materialien zu schreiben – das würde mich sehr interessieren.

  6. Da kann ich mich der Anne anschließen! Meine Mama ist gelernte Damen-Maßschneiderin und hat mir bei jedem Einkauf Vorträge über Material-Mixe gehalten: "Das kann aber stark eingehen", "Das ist Kunstfaser, da schwitzt man im Sommer wie verrückt", "Das muss man immer bügeln"…
    Ich würde auch gerne einen Material-Info-Post von dir lesen!

    Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit gute Qualität zu erwischen schon größer ist wenn man nicht unbedingt bei den ganz günstigen Mode-Ketten wie z.B. C&A einkauft. Allerdings ist mir auch schon bei Burberry-Mänteln aufgefallen, dass überall die Fäden raushängen.

    1. Das liegt daran, dass heutzutage viele Unternehmen in den gleichen Betrieben produzieren lassen.. Kik zum Beispiel im gleichen wie Guess, habe ich mal in einem Film gesehen :/

  7. sehr informativ, manchmal ist das ja echt nicht so einfach, gute qualität einzuschätzen. der preis allein sagt darüber ja leider oft nicht viel aus…

  8. oh das war echt spannend zu lesen 🙂 ich bin jetzt auch gerade dabei meine nähmaschine mehr auszuprobiern (früher habe ich damit nur ein paar laken für den proberaum zusammengenäht) doch jetzt will ich meine freie zeit mehr ins nähen investieren… und evt. auch das eine oder andere kleidungsstück selbst nähen, auch wenn es etwas kostenspieliger ist als günstig bei h&m etc. zu kaufen…

    liebe grüße 😀

  9. Super Artikel, freue mich auf mehr über Kleidung und Herstellung! Toll, dass du da deine Erfahrungen mit uns teilst.

    Eine Bekannte von mir hat Modedesign studiert und mir auch mal ein paar so Hinweise gezeigt, die auf qualitativ hochwertige Kleidung hinweisen. Zum Beispiel auch, dass bei ihnen in der Uni der Bund zB. zwei mal umgenäht werden sollte, damit man die Vernäh-Naht nicht sieht. (Verzeih mein fehlendes Fachvokabular :D)

  10. Super Post! 🙂
    Meine Schwester ist angehende Designerin und kennt sich dadurch zum Glück auch gut mit sowas aus, ich als blutiger Leie natürliche nicht. Dein Post hilft mir bestimmt beim nächsten Einkauf 🙂
    Liebste Grüße
    Fiona von truetempted.blogspot.com

  11. Sehr informativ und interessant und trotzdem nicht langweilig 😀
    Ich werde beim nächsten Kauf sicher mal genauer hinschauen… das mit den Fädchen, die man selbst noch abschneiden muss oder dass die Knöpfe so blöd knuddelig angenäht sind, ist mir zum Teil selber schon aufgefallen…

    Halte uns weiter mit so tollen Posts auf dem aktuellen Wissensstand 🙂

    http://www.coco-colo.blogspot.de/

  12. Tolle Zusammenfassung!
    Einiges kannte ich schon als Autodidakt, aber ein paar Sachen waren mir neu und werden bestimmt beim nächsten Einkaufen geprüft 😉

    Ich finde es manchmal recht tröstlich, dass die gekauften Sachen, mit denen ja jeder 2. rumrennt, nicht ganz perfekt sind. Ab und an hat man einfach keine Lust mehr, Nähte wieder aufzutrennen und dann verweise ich gern auf ähnliche Qualität bei bestimmten Kleiderketten "die können es auch nicht viel besser"…

    Gern mehr Beiträge, über das was du so lernst 🙂

    Liebe Grüße
    Marie

  13. Hihi, ich kenne das alles. Ich habe es zwar nicht gelernt aber meine Mutti ist gelernte Herrenschneiderin/Modeschneiderin und da hört man das immer.
    Wenn wir mal einkaufen waren, wird immer auf die Nähte und alles geachtet 😉 Und das habe ich natürlich übernommen. Aber mit meinem Beruf als Mediengestalterin geht es nicht viel anders. Ich schaue viel anders Flyer und so an…

    Berufskrankheit halt 🙂

  14. Sehr interessanter Artikel. Da werde ich jetzt wohl auch stärker drauf achten.
    Als Laie weiß man ja wirklich nicht, worauf man eigentlich genau achten muss. Was es da alles für Kriterien gibt.

  15. toller Artikel! das sind auhc so die Hauptpunkte die mir beim Einkaufen immer auffallen 😀
    Und dass der Bündchenober- und -untertritt gleich hoch sind ist manchmal echt eine Herausforderung. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister 😀
    Liebe Grüße, Luu

  16. Hallo!
    kannst du mir Marken oder Hersteller Empfehlen die wirklich auf Langlebigkeit der Kleidung achten?
    Es kommt mir so vor als ob die Big Player der Mode Branche immer schlechtere Ware für den Selben Preis verkauft, Nach dem Motto Hauptsache sylisch! Ich bin aber ein Mann und Männer brauchen was, was lange hält und nicht Hauptsächlich Schicke Mode ist. Bis jetzt habe ich "Land's End" gefunden die auf gute Verarbeitung Achten und von Langlebigkeit sprechen.

  17. Hallo,

    ich kam auf diesen Eintrag weil ich nach „Kleidung Qualität erkennen“ gegoogelt habe.

    Erstmal vielen Dank, dass hat mir schon sehr weitergeholfen.

    Wenn du nochmal etwas näher auf das Thema eingehen willst, dann würde ich mich über noch mehr Bilder freuen, z.B. Vergleiche von guten/schlechten Nähten oder Knöpfen.

    Liebe Grüße,
    Felix

  18. Es ist durchaus einfach gute Qualität zu erkennen, wenn man denn jemals qualitativ gute Bekleidung in der Hand hatte. Denn ich denke, daß heute viele junge Menschen qualitativ hochwertige Bekleidung noch nie gesehen haben, noch nie in der Hand hatten. Daher denken sie leider, daß der heutige Schrott, der in den Läden hängt, normal ist, was die Industrie natürlich sehr begrüßt und worauf diese seit Jahrzehnten hingearbeitet hat: Der Verbraucher soll miese Qualität als normal empfinden und diese ohne zu meckern auch kaufen = höchste Gewinnmarge ever.
    Es gab mal eine Zeit, die Zeit zwischen ca. 1960 und 2000, in der noch viel Bekleidung in Deutschland und Europa hergestellt wurde und die war durchweg hochwertig.
    Das war ein Riesenunterschied zu dem Schrott der heute aus Dritte-Welt-Ländern den Markt überschwemmt.
    Das Problem das man heute hat ist, daß Qualität fast gar nicht mehr erhältlich ist, weil die Billiganbieter z.B. Primark oder Kik in den gleichen Werken fertigen lassen wie namhafte Markenhersteller. Die Krönung der Unverschämtheit ist allerdings, daß wirklich teure „Designer-Marken“ wie z.B. Burberrry, Hugo Boss u.a., bei denen Bekleidungsstücke oft auch bereits im vierstelligen Bereich liegen, ebenso billig fertigen lassen und billig meint hier sowohl miese Stoffqualität als auch miese Verarbeitung.
    So etwas finde ich kriminell. Aber für mich ist diese Entwicklung nicht verwunderlich.
    Denn Hugo Boss z.B. war einmal gute Qualität, wurde aber schon vor langer Zeit von amerikanischen Investoren übernommen, die den Markennamen Boss einfach nur nutzen um maximalen Profit aus dem Unternehmen zu pressen. Die Qualtität der Bekleidung ist seitdem viel schlechter geworden aber die Preise sind sogar noch gestiegen. Wenn irgendwann den Kunden diese schlechte Qualität zu erhöhten Preisen so sehr stinkt, daß sie die Marke nicht mehr kaufen und Boss nicht mehr genügend Ware verkauft, dann werden die Investoren eben die Firma schließen oder Sie teuer abstossen.
    Ob die Investoren dabei eine Marke zerstören, Arbeitsplätze vernichten oder
    ihre Kunden vergrätzen ist denen völlig gleichgültig, denn es zählt nur der Profit.
    Dann gibt es noch das andere Extrem wie z.B. Primark, Kik: Miese Qualität zu absoluten Tiefpreisen, sog. Fast Fashion = Wegwerfkleidung. Bekleidung die so viel wie ein Hamburger kostet und häufig auch nicht viel länger als ein Hamburger hält. Hier macht es die Masse.
    So sieht heutzutage der Bekleidungsmarkt aus und genau deshalb ist es so schwer überhaupt noch qualitativ hochwertige Bekleidung zu finden.
    Ein guter Artikel, weiter so.

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