Geschichten vom Ehrenamt / Teil 2

„Ach, da schickt man mir so einen süßen Fratz, das ist ja herrlich! Du bist ja ein Engel, so ein schönes Ding!“, sein faltiges Gesicht hellt sich auf, als er mich sieht. Die warmen Augen strahlen, die schmalen Lippen öffnen sich zu einem Lächeln und entblößen den zahnlosen Mund, bevor er mir die Hand küsst. Einst, vor vielen vielen Jahren, wird er ein sehr schöner Mann gewesen sein. Ich muss mich jetzt schon beherrschen und die Tränen zurückhalten, denn ich weiß genau, wie sich das Gespräch entwickeln wird.

„Ach Herr S., hören Sie doch auf, Sie Charmeur! Ich werd ja schon ganz rot! Kommen Sie, wir gehen zusammen zum Abendangebot.“ Ich schenke ihm mein schönstes Lächeln. Ich weiß, wie gern er mich lächeln sieht.

„Die Augen! Hach Kind, dass ich dich nochmal wiedersehe auf meine alten Tage, das freut mich so sehr!“  Er macht mir noch einige Komplimente zu meinem „Figürchen“. Herr S. mag 90 Jahre alt sein, aber er darf das. Mir sagen, dass ich ein „nettes Popöchen“ habe. Er ist keiner der fiesen alten Säcke, die sabbernd jungen Dingern hinterherglotzen. Er ist ein liebenswerter, verwirrter Mann, der mich seit anderthalb Jahren kennt, doch jedes Mal von neuem kennenlernt.

„Wie alt sind Sie denn, wenn ich mal fragen darf?“ Jedes Mal lasse ich ihn schätzen. Heute schätzt er mich auf 25, zehn Minuten später auf 16. Ich verrate ihm, dass ich einen Tag vor ihm Geburtstag habe. Er freut sich, dass ich weiß, wann sein Ehrentag ist und wundert sich, woher. „Das hat Ihnen doch sicher meine Mutter erzählt!“, vermutet er mit verräterischem Blick. Er fragt, ob ich schon verheiratet sei, hört sich Geschichten von meinem Freund und unseren Katzen an, von meinen Neffen und dass Hochzeit und Kinder noch Zeit haben.

Und dann geht es los. Sein Blick schweift ab, in die Ferne, und mein kleiner Herr S. fängt an zu Schwärmen. „Wir beide hatten eine schöne Zeit damals.. Ich bin so froh, dass ich dich nochmal sehe! Wie lange waren wir denn nochmal zusammen?“ Wie jedes Mal weiß ich nicht, ob es besser ist, mitzuspielen oder ihm zu erklären, dass ich gut 66 Jahre jünger bin und wir keine gemeinsame Vergangenheit haben. Wie jedes Mal entscheide ich mich für ersteres. Ich drücke seine Hand und sage „Ach Heinz, das weiß ich nicht mehr. Es ist schon so lange her!“ – „Ja, da sagst du was. Und jetzt habe ich ja auch meine Frau. Und hast du denn auch jemandem?“ Ich erzähle ihm nochmal die Geschichte von meinem Freund, den Katzen, den Neffen. Um mich davon abzulenken, dass er nach über einem Jahr nichts davon weiß, dass seine Frau, die Italienerin, längst nicht mehr da ist.

Er freut sich, dass es mir nach unserer gemeinsamen Zeit so gut ergangen ist. Fragt mich, wie das kleine Restaurant hieß, wo wir gegessen haben, wo wir uns kennengelernt haben.

Und dann kommt der Moment, den ich daran erkenne, dass er zehn Geschichten in einem Satz unterbringen will. Von ihm als Kriegsgefangener in Russland, dem Essen von heute Mittag, seiner Mundharmonika. Ich bringe ihn aufs Zimmer und er wundert sich. „Ich wohne hier gar nicht. Mein Zuhause ist woanders. Meine Eltern wissen jetzt auch gar nicht, dass ich so spät komme, was mache ich denn jetzt?“

Ich beruhige ihn, sage ihm, dass ich eine Pflegerin zu ihm schicke, die ihn bettfertig macht. Er fängt an, in seinen Hosentaschen zu kramen. „Aber muss ich Sie nicht noch bezahlen? Ich habe nämlich gerad gar kein Geld hier.“ – „Macht nichts“, sage ich. „Können Sie mir demnächst noch geben!“ Selbstverständlich muss er mir kein Geld für gar nichts geben, aber das habe ich schon zu oft versucht, ihm zu erklären. Er entschuldigt sich, fängt an zu stottern, wie unangenehm ihm das jetzt ist, lacht verlegen. Ich drücke ihn sachte aufs Bett und verabschiede mich. Er freut sich über die Umarmung, küsst mich auf die Wange und fragt, wann wir uns wiedersehen.

Ein bisschen traurig werde ich. Aber auch glücklich. Weil ich weiß, dass eine Woche später zur selben Zeit am selben Ort, die selbe Geschichte wieder von vorn beginnt. Wenn es eine nächste Woche gibt. Das sollte ich nicht denken, aber jede Woche bange ich von neuem, wenn ich die Sozialbetreuerin scherzhaft frage, ob alle meine Lieben noch da sind.

Den ersten Post zum Thema könnt ihr HIER lesen. Christine und Karl aus meiner damaligen Erzählung sind bereits verstorben. Anni nimmt einmal die Woche Lauftraining, ihre Mutter lebt immer noch!

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22 thoughts on “Geschichten vom Ehrenamt / Teil 2

  1. Einfach nur toll. Dein Post berührt, zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, das der Umgang mit dementen Senioren oft alles andere als einfach ist. Chapeau vor so viel sozialem Engagement.
    Lieben Gruß Katja

  2. finde es total schön, dass du nicht nur mode sondern auch solche rührenden geschichten postest! respekt für dein engagement.

  3. du bist wunderbar. man soll patienten da abholen wo sie stehen. das ist genau das richtige mitzuspielen.<3 schön geschrieben,leni.

  4. Das ist wunderbar geschrieben und ich sehe jetzt bei meinem Opa, wie rapide die Demenz fortschreitet und er genauso wird, wie der alte Herr in deiner Geschichte! Ich habe aber auch mal drei Monate in einem Altenheim gearbeitet und da ging es mir ähnlich wie dir!

  5. Erstmal Wow, ich liebe Deinen Schreibstil, man kann richtig mitfühlen.
    Ich selbst habe ein freiwilliges soziales Jahr in einer Altenpflegeeinrichtung gemacht, das war ein echt ergreifendes und hilfreiches Jahr für mich. Noch jetzt gehe ich meine lieben Leutchen hin und wieder besuchen, es ist einfach so ein unfassbares Gefühl, wenn man wiedererkannt wird, was man teilweise auch nur in den Augen der Menschen sieht.
    Es ist schön zu merken, dass man gemocht wird und dass sie sich freuen, wenn man mal vorbei kommt 🙂

  6. Hab gerade Tränen in den Augen. Das erinnert mich an letztes Jahr, als meine Opa ins Heim kam und ich fast täglich dort zu Beusch war. Ich lernte viele der Bewohner dort kennen und war fasziniert wie wunderbar manche waren. Auch heute noch schockiert es mich, wenn meine Tante, die dort arbeitet, mir erzählt, dass wieder jemand von eben diesen Menschen gestorben ist.
    Finde es toll, dass du dort ehrenamtlich arbeitest, das tut einigen sicher sehr gut 🙂

  7. Auch von mir: Hut ab für dein Engagement! Ich hab selber mal drei Wochen im Altersheim ein Praktikum gemacht, allerdings nur in der Wäscherei und der Cafeteria – hatte also nicht so persönlichen Kontakt zu den Senioren. Trotzdem fiel mir das zeitweise leider schwer.

  8. Hallo Leni 🙂
    Ich habe deinen 1. Beitrag nachgelesen und war da bereits sehr gerührt und hab nach diesem Beitrag Tränen in den Augen. Du erinnerst mich an vergangene Zeiten als meine Oma noch lebte und ich sie im Seniorenheim besucht habe. Da gab es auch einzelne Tage mit Tanz, Musik und Teestunde etc.Ich finde dein Engagement bewundernswert und es macht dich noch sympathischer als du ohnehin schon herüber kommst.

    Schönes Wochenende, Leni.
    Liebe Grüße, Brooke.

  9. Sehr bewegend! Das Thema wird immer präsenter, je älter wir werden. Desto wichtiger, das es Menschen wie dich gibt, die sich um die Betroffenen kümmern, anstatt das andere machen zu lassen.

    liebe Grüße

    Elli

  10. Wow du bist ein toller Mensch. Ich finde es toll, dass du dir Zeit dafür nimmst etwas so gutes zu tun. 🙂 Und der Text ist wirklich toll geschrieben, er hat mich zu Tränen gerührt.

  11. Wunderbarer Post – wunderbar, weil du dich ehrenamtlich so engagierst (was bestimmt nicht einfach ist), und wunderbar, dass du das hier auf dem Blog einbindest. Tolle geschrieben außerdem, gerne mehr 🙂

  12. auch von mir: respekt für dein engagement!
    schade finde ich aber, dass du auch in einem post, der sich eigentlich gar nicht wirklich um dich dreht, ein bild von dir mit einbaust. die geschichte allein wäre völlig ausreichend gewesen, oder von mir aus auch mit einem anderen, thematisch passenderen bild, aber ein zusammenhangsloses selbstportrait zieht die reinheit der erzählung runter ist einfach fehl am platz. finde ich schade.

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