Selbstständig mit Depressionen – (wie) geht das?

(Kurzes Vorwort: So wie jeder Mensch ist auch jede Depression unterschiedlich. Ich kann nur für meine eigene sprechen. Wenn mir doch mal Verallgemeinerungen herausgerutscht sind – sorry dafür!)

In den Anfängen der Selbstständigkeit zu stecken ist immer schwer. Existenzängste und ständige Zweifel auszuhalten und auch die nötige Selbstdisziplin aufzubringen – das ist alles kein Zuckerschlecken. Sich als Mensch mit Depressionen (oder depressiven Tendenzen) auf dieses Terrain zu wagen, klingt im ersten Moment wahrscheinlich nach dem sicheren Weg in den Wahnsinn.

Doch wie alles im Leben hat auch diese Kombination ihre Vor- und Nachteile: sich durch die selbstständige Organisation des Alltags nicht an fremde Strukturen anpassen oder eine Rolle annehmen zu müssen und niemandem außer sich selbst  Rechenschaft schuldig sein zu müssen, kann schon erleichternd sein. Auf der anderen Seite ist natürlich nicht zu unterschätzen, dass zu den typischen Problemen, mit denen jeder Selbstständige zu kämpfen hat, noch der (evtl) tägliche Kampf mit sich selbst und den „Monstern im Kopf“ dazu kommt.

Selbstständig mit Depressionen

Wenn in akuten Phasen das Aufstehen schon zum Problem wird und Alltägliches nur mit Müh und Not angepackt werden kann, dann kostet das Energie, die am anderen Ende wieder fehlt. Dann kann Aufgeben in diesem Moment die attraktivste Lösung darstellen.
Doch wie immer gilt nicht, wie oft man hinfällt, sondern wie oft man wieder aufsteht – und damit letzteres ein Mal mehr als ersteres geschieht, habe ich mir in der Vergangenheit ein paar Tipps und Gedanken zusammengesammelt, die ich mir immer wieder ins Bewusstsein zu rufen und einzuprägen versuche, damit sie irgendwann ins Blut übergehen. Vielleicht können sie auch ein paar von euch weiterhelfen.

Struktur

Um mich morgens dazu motivieren zu können, mein Bett zu verlassen, muss ich ganz genau wissen, was am jeweiligen Tag ansteht. Wenn ich das vorher nicht für mich geklärt habe, brauche ich nicht nur ewig fürs Aufstehen, sondern ziehe anschließend auch alltägliche Pflichten in die Länge. Irgendwann ist der Tag vorbei, bevor ich beschlossen habe, was ich tun werde und mein Selbstwertgefühl im Keller. Meine Lösung dafür ist die To-Do-Pinnwand, von der ich euch schon einmal erzählt habe. Die hilft mir sehr, denn so muss ich mir nur ein Mal in der Woche meine Aufgaben verteilen und weiß jeden Morgen, was ansteht.

Liebevolle Strenge

Um negativen Emotionen vorzubeugen, halse ich mir von Anfang an nicht zu viel auf. Das nimmt Druck und das Risiko, mich selbst zu blockieren. Ich zwinge mich außerdem dazu, es „schon in Ordnung“ zu finden, wenn eine einzelne Aufgabe mit in den nächsten Tag genommen werden muss. Allerdings auch nur, wenn ich den Zeitaufwand für andere Aufgaben unterschätzt habe. Prokrastinieren erlaube ich mir nicht, weil ich ganz genau weiß, dass mein Tag sonst mit einem schlechten Bauchgefühl enden wird, was wiederum Auswirkungen auf den nächsten haben wird. Stattdessen versuche ich lieber gleich herauszufinden, warum genau ich mich vor einer Aufgabe gerade sträube.
Die Balance zwischen Selbstmitgefühl und Strenge ist nicht so einfach – ich versuche immer zu überlegen, wie ich in der Situation mit einem Freund umgehen würde.

Es zählt immer nur das Jetzt

Auch wenn ich nach dem Wecker-Klingeln nun genau weiß, was anstehen wird – es gibt natürlich trotzdem Tage, an denen ich erstmal liegen bleibe und dann Wut auf mich entwickel. Früher neigte ich noch mehr als heute dazu, dem Rest des Tages dann auch keine Chance mehr zu geben, weil es „jetzt eh zu spät“ ist. Ist natürlich völliger Blödsinn, macht in meinem Kopf aber manchmal immer noch Sinn. Leider ist das aber ein Teufelskreis, denn aus „dem Tag keine Chance mehr geben“ wird dann schnell ein „dem ganzen Leben keine Chance mehr geben“.
Daher liegt mir dieser Punkt besonders am Herzen und ich muss ihn mir immer wieder neu einprägen: Es zählt nur das Jetzt. Scheiß egal, was vor einem Jahr war, was gestern war, was heute morgen war – scheiß egal, ob du dein Leben bisher so gelebt hast, wie du es wolltest und für deine Träume gekämpft hast; das alles bedeutet nicht, dass du nicht JETZT anders handeln kannst.

Selbstständig mit Depressionen

Vergleiche sind der Tod

Der Punkt, mit dem ich fast noch mehr zu kämpfen habe.
Jeder weiß, dass Vergleiche unglücklich machen. Meiner Meinung nach verleitet das Internet sehr dazu, immer nur das zu sehen, was bei anderen gut läuft, denn man bekommt schließlich auch nur das zu sehen, was die Öffentlichkeit sehen soll. Natürlich weiß man insgeheim, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat, doch ist man ein mal im Schwarz-Weiß-Denken drin, verliert man dafür schnell den Blick.
Jeder hat mit Problemen und Unsicherheiten im Leben zu kämpfen. Jeder hat seine Schwachstelle woanders. Sie werden uns nur nicht regelmäßig aufs Brot geschmiert.

Eigene Grenzen akzeptieren

Klar wär es schön fürs Ego (warum eigentlich?), wenn man es schaffen würde, mindestens fünf Tage die Woche acht Stunden am Tag zu arbeiten – wie das „halt jeder so macht und schafft“. Geht aber manchmal nicht. Egal, wie sehr man versucht, die vorangehenden Gedanken zu verinnerlichen, es wird IMMER WIEDER Tage geben, an denen man eben doch nichts schafft und keine Energie hat. Egal wie sehr man kämpft. An denen einem nach dem fünfzigsten „Halte durch, du schaffst das“-Gedanken doch die Tränen kommen und man sich ins Bett verkrümelt. Zu akzeptieren, dass die eigene Kraft nun mal begrenzt ist und die Arbeit für diesen Tag Arbeit sein zu lassen, ist noch lange kein Versagen.
Wichtig finde ich an der Stelle nur, seine Zeit dann mit Dingen zu verbringen, die einen neue Kraft tanken lassen um eben doch am nächsten Tag weitermachen zu können. Sich dann nämlich zu Tode zu kritisieren, hilft nicht. Es wird nur dafür sorgen, dass die Phase anhält.

Fazit

Ja, Selbstständigkeit mit Depressionen ist meiner Meinung nach möglich. Solange man sich darüber im Klaren ist, dass man immer noch ein bisschen mehr zu kämpfen hat als ein gesunder Mensch, sich die Mühe macht, die eigenen Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen und versucht, die mit negativen Auswirkungen auf die Selbstständigkeit langfristig zu ändern – und was nicht zu ändern ist, so zu akzeptieren!